Schulmöbel – Das Ende einer DINastie von Tanja Pabelick

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Nachdem die großen Designmarken den Nachwuchs über Jahrzehnte vernachlässigt haben, gab es mit dem Jahrtausendwechsel einen stillen Startschuss für eine moderne Kinderzimmerausstattung, mit Marken wie Vitra, Richard Lampert oder Magis als Vorreitern. In den Schulen aber herrscht auch weiterhin größtenteils tafelgrüne Tristesse und kreidestaubige Langeweile. Einige neue Entwürfe wollen das endlich ändern.

 

Mittlerweile gibt es viele der großen Designklassiker auch im kleinen Format. Thonet miniaturisiert Bugholzklassiker in seiner Kids-Serie und Richard Lampert macht den Eiermann zum Eiermännchen. Zweifelsohne gefällt es Kindern (und ihren Eltern), wenn sie für sich in Besitz nehmen können, was sonst im Wohnzimmer steht.

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Die kleinen Möbel werden zum eigenen Mikrokosmos, denn sie können nur mit der passenden Körpergröße eingenommen werden. Auf die individuellen Ansprüche von Kindern gehen skalierte Möbel allerdings nicht immer ein – denn die Originale wurden ja einst für die Großen konzipiert, die ganz andere Körperproportionen haben. Auch in puncto pädagogischer Raffinesse sind die Miniaturen nicht immer eine Punktlandung: Sie kommen dem Gestaltungswillen nicht entgegen und wachsen nicht mit. In diesem Bereich profilieren sich neuerdings einige junge Marken. Der Tisch Caspar von perludi vergrößert sich entlang seiner vier Holzbeine – und kann für kleine Geschwisterkinder wieder zurückschrumpfen. Beim Schreibtisch blueroom hingegen lässt sich die Höhe der Platte entlang der Wangen verstellen und die Platte schräg setzen.

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Das Problem einer mangelnden Anpassungsfähigkeit kennt das Klassenzimmer nicht, denn hier sind die Nutzer auch über Jahrzehnte hinweg immer gleich alt und ähnlich groß. Abgesehen davon, dass es zumindest in Bezug auf die Schul-Arbeitsplätze wenig Vorlagen für einen Designwaschgang gäbe, bei dem sie einlaufen könnten. Aus welcher Schublade wollte man sich auch bedienen? Bürodrehstühle oder Konferenzsessel sind auch keine Lösung. Der Schulstuhl ist von jeher eine eigene Kategorie, ebenso wie das Pult oder der Tornister. In Sachen Ergonomie sind wir in der Lehranstalt noch nah am erwachsenen Büroalltag: Bequem sollte ein Schulstuhl sein und die Kinder dazu anregen, sich möglichst viel zu bewegen – rigorose Zappelverbote sind überholt.

Bei der Praktikabilität wird es schon anspruchsvoller. Eine gewisse Unempfindlichkeit der Objekte ist gefragt, im besten Falle ist das ganze Klassenzimmer unverwüstlich, die Stühle sollten möglichst geräuschlos in der Handhabung sein und nicht zuletzt stapelbar, damit der Reinigungsdienst abends feucht feudeln kann. Wirklich heikel wird es dann im Bereich des Finanziellen. Bei den knappen Budgets im Bildungssektor darf so ein Schulstuhl nicht viel kosten: Nur der langlebigste, ergonomisch beste und günstigste Stuhl kann eingeschult werden – wenn er auch den DIN-Normen gerecht wird.

Man kann sagen: Der Schulmöbelmarkt ist ein behäbiger Kahn, hart umkämpft und schwer zu kapern. Nicht zuletzt die gesetzlich vorgeschriebenen Anforderungen machen es den Firmen schwer. Form und Format der Sitzfläche, Sitzhöhe und -tiefe, Rückenfläche und sogar die Beinfreiheit sind millimetergenau festgelegt. Man möchte den Designer kennenlernen, dem hier nicht der Wille zur Innovationsfindung flöten geht. Vielleicht haben sich in den letzten Jahren deswegen nur ganz selten Schulmöbel blicken lassen, die in ihrer Entstehungsphase irgendwann einmal mit Design in Berührung gekommen sind. Eine schmähliche Vernachlässigung, denn Kinder verbringen in den Schulen ähnlich viel Zeit wie in ihren Kinderzimmern.

Doch es zeichnet sich ein Wandel ab, die Schule wird mit Alternativen konfrontiert. Und die ziehen zumindest in Designkreisen und einrichtungsaffinen Medien so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass die Chancen für eine langsame Besetzung gut stehen. Vor ein paar Jahren lancierte die Firma HAY einen Stuhl, dem im Begleittext eine formale Referenz zum Schulstuhl zugewiesen wird. Damit war er zwar nicht speziell für den Klassenraum konzipiert, immerhin aber mit dem Hinweis versehen, dass man ihn kopfüber auf einem Tisch lagern könne, um eine leichte Reinigung des Bodens zu ermöglichen. Fröhliche Farben wiederum sorgen bei der Platzierung im Rudel für bunte Kombinationsmöglichkeiten. Keine Frage, auf welchen Einsatzort der Hersteller hier ein Auge geworfen hat.

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2012 wurden die die Innovationen noch lauter, als Flötotto einen Stuhl von Konstantin Grcic vorstellte. Und siehe da, zum ersten Mal wurde andersherum agumentiert. Pro ist »ausgewiesen als Schulstuhl konzipiert«, aber »zu einer universell einsetzbaren Stuhl-Familie angewachsen«. Und: Die Sitzschale ist aus Polypropylen, im Spritzguss-Verfahren gefertigt. Wer als Hersteller auf dem Schulmöbelmarkt in so ein teures Werkzeug investiert, hat die Revolution im Blick. Vielleicht wird’s in Deutschlands Klassenzimmern also demnächst bunt.

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