Eine bunte Kunststoffschale, zwei Augen, unendliche Spielmöglichkeiten: Seit 25 Jahren begeistert Bilibo Kinder in mehr als 50 Ländern – ganz ohne Anleitung. Im Gespräch erzählt Alex Hochstrasser, Designer und Gründer von MOLUK aus der Schweiz, wie aus seiner Studienarbeit ein international ausgezeichneter Spielzeugklassiker wurde, warum gutes Spielzeug Kindern möglichst wenig vorgibt und was verantwortungsvolle Gestaltung wirklich bedeutet.
Alex, Bilibo entstand als Abschlussarbeit Deines Designstudiums – partizipativ und begleitet vom Entwicklungsforscher Remo Largo. Was hast Du damals über Kinder gelernt, das unmittelbar in die Gestaltung von Bilibo eingeflossen ist?
In unseren Gesprächen hat mich Remo Largo ermutigt, den Kindern zu vertrauen. Statt mit fixen Vorstellungen loszulegen, was ein Spielzeug vermitteln oder fördern sollte, ist es wichtiger, zu beobachten, was Kinder tatsächlich tun. Das Sprichwort, das er gern zitierte – »Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht« – hat mich dabei ständig begleitet.
Ich verbrachte viel Zeit im Kindergarten bei uns im Dorf und schaute, wie Kinder mit Dingen umgingen, die gar keine Spielsachen waren: Seile, Stühle, Decken, Steine. Sie machten daraus ganz selbstverständlich das Material für ihre eigenen Spielwelten. Auch Erinnerungen an meine eigene Kindheit flossen in die Arbeit ein: wie wir im Wald Hütten bauten oder am Bach über Steine hüpften.
Die Kartonschachtel, mit der an Weihnachten länger gespielt wird als mit dem Geschenk darin, wurde mein heimlicher Massstab. Mich interessierte, ob ich etwas mit derselben Offenheit gestalten könnte, das zusätzliche Spielmöglichkeiten eröffnet. Bei Bilibo klettert das Kind auf die Schale oder versteckt sich darunter. Dann dreht es sie um, setzt sich hinein und bringt alles in Bewegung. Dieselbe Form bietet Halt oder fordert das Gleichgewicht heraus.
Als ich die ersten Prototypen zurück in den Kindergarten brachte, fragten die Kinder nicht, was sie damit machen sollten. Sie fingen einfach an zu spielen. Largo hatte recht.

Erste Ideenskizzen zum Bilibo
Bilibo ist prägnant und zugleich radikal offen gestaltet. Wie viel Gestaltung braucht ein Spielzeug, das Kindern möglichst wenig vorgeben will, und wann ist es schon zu viel?
Die Einfachheit ist das Resultat eines langen Gestaltungsprozesses. Ziel ist es immer, möglichst viele Spiel- und Interpretationsmöglichkeiten in einem Objekt zu verdichten, das trotzdem selbstverständlich und leicht wirkt. Wenn man dem Endprodukt die ganze Arbeit ansieht, ist es meistens noch nicht fertig.
Eine zu abstrakte Form wirkt schnell kühl und abweisend. Deshalb sind kleine, bewusst gesetzte Details so wichtig. Die zwei Löcher sind die Augen von Bilibo. Sie geben der Schale Charakter und eine Richtung, dienen aber gleichzeitig als Befestigungsstellen für ein Seil, als Gucklöcher oder Ausgussöffnungen für Wasser.
Steht Bilibo als Hügel in der Spiellandschaft, entstehen durch den wellenförmigen Rand Eingänge für kleine Figuren oder Tunnels für die Holzeisenbahn. Die geschwungene Kontur hat auch eine ergonomische Funktion, damit Kinder bequem in der Schale sitzen können. Ausserdem lassen sich dadurch zwei Schalen zu einer geschlossenen Kugel mit einem breiten Lächeln zusammenfügen.
Zu viel wird es dort, wo ich dem Kind die Deutung abnehme und die Geschichte schon ausformuliere. Ich vermeide auch rein dekorative Elemente. Bei Bilibo kommt das Lächeln aus der Form heraus und ist nicht einfach aufgemalt.
Mich interessiert genau dieser Zwischenraum: genug Persönlichkeit, um eine emotionale Beziehung aufzubauen, aber nichts, was der Fantasie und Eigeninitiative der Kinder im Weg steht. Das zieht sich als Leitmotiv durch alle MOLUK-Spielsachen. Sie lassen sich frei miteinander kombinieren und werden so immer wieder Teil neuer Spielwelten.


»Beim Bilibo kommt das Lächeln aus der Form heraus …«
Seit 25 Jahren entscheiden Kinder selbst, was Bilibo für sie ist. Was haben Kinder aus Bilibo gemacht, womit selbst Du nicht gerechnet hattest?
Dass Bilibo viele Rollen einnehmen würde, war immer die Idee. Überrascht hat mich vor allem, wie weit seine Anziehungskraft über das Kindergartenalter hinausreicht.
Wir haben von Teenagern gehört, die sich von Bilibo auch dann nicht trennen wollten, als sie aus dem Spielzeugalter herausgewachsen waren. Er hatte einfach eine neue Aufgabe bekommen – als Behälter für Zeitschriften und persönliche Schätze.
Und dann haben sich noch ganz andere Mitspieler dazugesellt. Eine Zoologin in Kalifornien sah Kinder mit Bilibo spielen und wollte die Schalen bei Gibbons ausprobieren. Die Tiere trugen sie herum und kletterten hinein. Mein persönlicher Favorit ist aber ein Pandababy im Zoo von Singapur, das in einem blauen Bilibo sitzt und vergnügt herumwippt. Die Freude am Schaukeln, Verstecken und Entdecken verbindet offenbar auch über Artgrenzen hinweg.

Ein Spielzeug mit unendlichen Spielmöglichkeiten: Bilibo von MOLUK
Bilibo erklärt sich Erwachsenen bis heute nicht sofort. Für den Handel ist das durchaus eine Herausforderung. Wie verkaufst Du ein Spielzeug, das man eigentlich besser nicht erklärt?
Kinder begreifen Bilibo, indem sie damit spielen. Erwachsene möchten oft zuerst wissen: »Was tut das?« Sie sind gewohnt, dass jedes Produkt einen bestimmten Zweck erfüllt. Ein Gegenstand, der sich bewusst den üblichen Kategorien entzieht, passt schlecht in dieses Schema – und lässt sich auch im Spielzeugladen nicht so einfach einordnen.
Bei Erwachsenen funktioniert Bilibo ein bisschen wie ein Rorschach-Test. Manche bekommen leuchtende Augen und sehen sofort die Möglichkeiten. Andere zucken mit den Schultern. Bei der Verleihung der amerikanischen Toy of the Year Awards 2010 hörte ich eine Frau laut fragen, weshalb eine Salatschüssel unter den Nominierten sei. Bilibo gewann dann tatsächlich, auch dank der Stimmen vieler kleiner, unabhängiger Händler.
Diese Händler sind bis heute unsere wichtigsten Verbündeten. Wir haben MOLUK ohne externe Investoren aufgebaut. Als kleine Firma leben wir von Mundpropaganda und engagierten Partnern, die unsere Begeisterung für sinnvolles Spielzeug teilen.
Erklären darf man Bilibo durchaus. Ein kurzer Film oder ein paar Bilder können Erwachsenen helfen, einen Zugang zu finden. Noch besser ist es, wenn Kinder im Laden damit spielen können. Dann erklärt sich Bilibo von selbst.
Wichtig ist, dass Beispiele als Anregung verstanden werden. Wenn ein Kind eine eigene Spielidee entdeckt, fühlt es sich als Erfinder. Diesen Moment möchte ich ihm nicht mit einer Anleitung wegnehmen.

»Kinder begreifen Bilibo, indem sie damit spielen …«
Bilibo steht heute in internationalen Designsammlungen. Wann wird aus einem Spielzeug ein Designklassiker, und interessiert Dich diese Zuschreibung überhaupt?
Natürlich freut mich diese Anerkennung. Bilibo 2012 in der Ausstellung “Century of the Child” im MoMA in New York zu sehen und später bei »100 Jahre Schweizer Design« im Museum für Gestaltung Zürich – das hatte schon etwas Surreales.
Ob ein Spielzeug zum Klassiker wird, zeigt sich wohl erst mit der Zeit. Für mich gehört dazu, dass es weiterhin Resonanz findet, auch wenn sich die Welt darum herum verändert.
Bei Bilibo habe ich versucht, alles wegzulassen, was ein Ablaufdatum hat: Trends, Elektronik, Lizenzthemen. Ich wollte mich von der Neugier und Spielfreude der Kinder leiten lassen und eine elementare Form finden, die ihnen möglichst viel Raum lässt. Die Welt, in der Kinder aufwachsen, hat sich seither enorm verändert. Ihre Freude am Bewegen, Entdecken und Erfinden ist erstaunlich beständig geblieben.
Heute erleben die ersten Kinder, die mit Bilibo aufgewachsen sind, wie ihre eigenen Kinder damit spielen. Ob sie da in einem Designklassiker sitzen, ist den Kleinen herzlich egal.

Bilibo in der Ausstellung »100 Jahre Schweizer Design« mit Doris Hochstrasser
Bilibo verdankt seine Langlebigkeit auch einem Kunststoff, den wir heute kritischer sehen als vor 25 Jahren. Muss ein Entwurf, der über Jahrzehnte Bestand hat, irgendwann auch materiell neu gedacht werden?
Die Materialwahl sollte man immer wieder hinterfragen, auch bei einem bewährten Entwurf. Entscheidend ist für mich, ob eine Veränderung tatsächlich eine Verbesserung bringt. Gleichzeitig möchte ich dagegenhalten, wenn alle Kunststoffe über einen Kamm geschoren werden.
Bei Bilibo muss die Schale leicht, robust und etwas nachgiebig sein. Sie soll wildes Spiel mit Wasser, Sand und Schnee aushalten und sich danach einfach reinigen lassen. HD-PE erfüllt diese Anforderungen bisher am besten und hält auch tiefen Temperaturen im Winter stand. Es ist derselbe Kunststoff, aus dem zum Beispiel Milchflaschen hergestellt werden und für den es an vielen Orten etablierte Recyclingstrukturen gibt. Auf PVC verzichten wir dagegen bei MOLUK vollständig – in unseren Produkten ebenso wie in den Verpackungen.
2021 haben wir die Struktur von Bilibo analysiert und das Produktionswerkzeug komplett neu gebaut, um das Material effizienter zu nutzen. Das Ergebnis: Bilibo braucht zehn Prozent weniger Kunststoff und ist zugleich stabiler. Auch das ist für mich ein materielles Weiterdenken des Entwurfs.
Noch wichtiger ist für mich jedoch, wie lange ein Objekt in Gebrauch bleibt. Es genügt nicht, dass es physisch hält – es muss auch mit dem Kind wachsen und immer wieder Neues bieten. Wenn ich Bilibo in einem Secondhandladen entdecke, freut mich das sehr: Jemand hat jahrelang damit gespielt und fand ihn dann zu schade zum Wegwerfen. Jetzt darf ein anderes Kind damit weiterspielen.

Bilibo hält robustes Spielen auch bei tiefen Temperaturen aus und lässt sich leicht reinigen
Alex, lass uns 25 Jahre nach vorn springen: Wo siehst Du Bilibo im Jahr 2051?
Hoffentlich noch immer bunt und mitten im Spiel. Vielleicht ist dann ein Bilibo dabei, mit dem schon die Grosseltern als Kinder gespielt haben.
Als ich 2000 mit dem Entwurf begann, wollte ich Kinder auch vom Fernseher weglocken. Wie rasant sich Bildschirme und digitale Angebote seither entwickelt haben, hätte ich mir kaum vorstellen können. Umso wichtiger erscheint mir heute, dass Kinder die Welt auch unmittelbar erfahren: Dinge anfassen, in den Mund nehmen, hören, fühlen, mit dem eigenen Körper ausprobieren. Diese Erfahrungen lassen sich durch Technik nicht ersetzen.
Gerade in einer zunehmend virtuellen und von KI geprägten Welt wünsche ich mir Menschen, die eigenständig denken, ihrer Neugier folgen und sich etwas zutrauen. Das beginnt schon bei den Kleinsten: Kinder brauchen Zeit zum Herumprobieren, dürfen scheitern und auch Dinge tun, deren Sinn Erwachsene nicht sofort erkennen. Das hat mir Largo damals mitgegeben. Für dieses Vertrauen steht auch MOLUK.
Wie die Welt 2051 aussieht, weiss ich nicht. Aber Bilibo wird genauso funktionieren wie heute – mit dem Kind am Steuer.

25 Jahre Bilibo: Herzlichen Glückwunsch!
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Zur Autorin
Katja Runge ist Gründerin von afilii. Mit ihrer langjährigen Erfahrung als Journalistin, Kommunikationsberaterin und Projektleiterin in der Design- und Kreativwirtschaft bringt sie ein feines Gespür für Sprache und Themen mit. Im afilii-Magazin engagiert sie sich als Themen-Finderin, Autorin oder im Lektorat – in enger Zusammenarbeit mit den Autor:innen – immer auf der Suche nach relevanten, gut erzählten Inhalten mit echtem Mehrwert für unsere Leser:innen.




