Was sich verändern lässt, bleibt länger im Gebrauch. Mit »BAU_M_ICH« entwickelt Melinda Barth ein modulares DIY-Holzmöbel-Set, das einfache Holzkisten für Familien immer wieder neu nutzbar macht: als Klettergerüst oder Ziehwagen für Kinder, als Regal, Tisch oder Kommode. Im Interview erzählt die Designerin und Tischlerin, wie Kreislaufdenken, Upcycling und Selbstbauen langlebige, wandelbare Möbel ermöglichen – und warum unsere persönliche Beziehung zu Dingen oft den besten Schutz vor dem Wegwerfen schafft.
Wie bezeichnest du BAU_M_ICH – ist es ein DIY-Holzmöbel-Set, ein social design Projekt oder etwas ganz anderes?
Gute Frage! Meistens sage ich modulare Kistenmöbel. Bei denen es eigentlich darum geht, die Nutzer:innen zu empowern. DIY-Möbelbauprojekt und social design Projekt sind auch passend. Der Untertitel »Baut euch die Welt, wie sie euch gefällt!« umschreibt die unterschiedlichen Ebenen der Gestaltung ganz gut, finde ich.


BAU_M_ICH ist deine Masterarbeit – erzähle uns kurz, wie die Idee dazu entstand.
Da sind verschiedene Faktoren zusammengekommen. Während meiner Recherche zum Thema Reparieren stellte sich heraus, dass wir Vieles wegwerfen, bevor es überhaupt kaputt ist. Die durchschnittliche Nutzungsdauer von Möbeln liegt bei 6 bis 15 Jahren. Bäume müssen aber 80 bis 300 Jahre wachsen, bevor wir Holz für den Möbelbau ernten können. Eine absurde Diskrepanz.
Gleichzeitig wohne ich mit meiner Familie mit 2 Kindern in Berlin. Der Wohnraum ist knapp, umziehen utopisch. Und alles verändert sich stetig. Wer wo schläft und wie isst; wer Platz, wer Nähe, wer Ruhe und wer laut sein dürfen braucht: das ganze Sozialgefüge Familie unterliegt einem stetigen Wandel. Möbel und Räume müssten sich dem einfach anpassen (lassen) dachte ich.
Wie aber lassen sich Langlebigkeit und Veränderung verbinden? Welche Dinge nutzen wir lange und warum? Der Hauptfaktor für langes Nutzen ist unsere Beziehung zu den Dingen. Was wir lieben pflegen, reparieren und erhalten wir.
Module, die sich einfach umbauen lassen und ihre Funktion verändern können schienen die Lösung zu sein. Holz eignet sich perfekt für lange und kaskadenartige Nutzung, da sich seine technischen und ästhetischen Eigenschaften verbessern.
Wer einmal beobachtet hat, wie Kinder mit Kisten spielen, merkt schnell: Die Kiste ist das ultimativ multifunktionale Objekt. Es wird vom Regal zum Kletterturm, zum Tisch oder Schiff, zur Höhle, zum Haus, zum Versteck. Und dann wieder zur Kiste, in die man schnell alles auf- und wegräumen kann. So führte eins zum anderen und die Grundidee von Kistenmodulen die sich verwandeln lassen war geboren.


Viele Kindermöbel werden nach einer relativ kurzen Nutzungsdauer weggeworfen; mit deinem DIY-Holzmöbel-Set verfolgst du einen anderen Ansatz …
Ja. Der Klimawandel ist spürbar, Wegwerfen ist gestern. Wir müssen wieder lernen in echten Kreisläufen zu denken und zu handeln. Das passiert bei BAU_M_ICH auf unterschiedlichen Ebenen:
1. Der Modulkreislauf:
Du kannst die Kisten durch Drehung im Raum, durch Stapeln und Verbinden und durch das Anbringen von Erweiterungen immer wieder verwandeln. So wird aus einer Kiste ein Ziehwagen, eine Kommode, ein Tisch, ein Klettergerüst oder etwas ganz anderes. So entsteht ein Kistenkreislauf. Statt lästigem, zeitaufwendigen und umweltschädlichem Ent- und Besorgen baut ihr euch immer das aus den Kisten, was ihr gerade braucht.
2. Einfaches Umbauen, Reparieren und Recyceln:
Das Lochraster und die einfachen Verbindungsmöglichkeiten durch Schrauben und Fädeln ermöglichen das einfache Umbauen. Gleichzeitig vereinfachen die einfachen Verbindungen das Reparieren von einzelnen Teilen, genauso wie das sortenreine Recyceln falls sich doch irgendwann mal etwas nicht mehr retten lässt.
3. Austausch und Weiterentwicklung durch Nutzer:innen:
Für alle von mir entwickelten Module und Erweiterungen stehen auch DIY-Anleitungen zur Verfügung. Genauso wie Bastelsets zum Planen im eigenen Grundriss und das Baubuch zur Inspiration von verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten.
4. Upcycling durch DIY und lokale Produktion:
Die DIY-Anleitungen regen an, Material umzunutzen. Gebrauchsspuren erzählen Geschichten, erinnern an gemeinsame Erfahrungen oder an Menschen, die uns etwas weitergegeben haben. Sie erhöhen den Wert der Dinge. Ihr könnt Schranktüren in Deckel oder Tischplatten verwandeln. Bauklötze werden zu Füßen und Haken, Kordeln oder Gürtel zu Griffen oder Ziehschnüren. So baut ihr eure Geschichte mit ein, eure Beziehung startet schon vor der Nutzung. Und der Kreislauf startet schon mit dem Material.

Inzwischen bietest du für BAU_M_ICH auch ein Baubuch und Workshops an … Hast du weitere Pläne für die Zukunft?
Unbedingt! Ich möchte BAU_M_ICH ausbauen und weiterentwickeln! Module optimieren, vielleicht noch einfachere Selbstbausets entwickeln, die sich mit unterschiedlichen Materialien umsetzen lassen. Lokale Produzent:innen finden, über die man die Module und Erweiterungen kaufen oder bestellen kann. Weitere Workshops entwickeln und geben. Eine Plattform finden, die einen besseren Austausch der Nutzer:innen ermöglicht, wo sich Fotos und Tipps hochladen lassen.
Ich glaube, dass sich gerade die Mischung aus selber bauen, sich gegenseitig inspirieren und kaufen sehr gut ergänzen kann und die Zielgruppe weit über Familien hinausgeht. Mein Traum wäre, dass mich eine Initiative oder Möbelbaufirma anstellt, um BAU_M_ICH auszubauen, zu betreuen und weiterzuentwickeln.

Gibt es noch etwas, was du uns über BAU_M_ICH erzählen möchtest?
Probiert es aus! Schaut auf BAU_M_ICH vorbei. Probiert das Bastelset zum Selberplanen aus. Baut euch eure Kisten in einer der zahlreichen offenen Werkstätten. Bastelsets, Baubuch und DIY-Anleitungen stehen für alle zur Verfügung. Schreibt mir eure Erfahrungen. Schickt mir Fotos von euren Ergebnissen. Und meldet euch, wenn ich bei euch Workshops geben soll, mit euch planen soll, ihr Projekte mit mir umsetzen wollt oder ihr mir eine Stelle anbieten könnt.
Erzähle uns noch kurz deinen Background; wer oder was hat dich als Gestalter:in besonders geprägt?
Bevor ich Design studierte, habe ich eine Tischlerlehre abgeschlossen. Diese Kombination, das Miteinander von Hand, Kopf und Bauch, prägt meine Arbeit. Sicher auch, weil ich an der Kunsthochschule Berlin Weißensee studiert habe, in der die Nutzung der vielen Werkstätten das Studium prägt.
Mein Vater war Handwerker, meine Mutter hat studiert … Ich tanze irgendwo zwischen den Stühlen, auch das prägt mich und meine gestalterische Arbeit. Was mich fasziniert, ist das »Dazwischen«, das »Davor«, das »Daneben« und das »Dahinter«.
Und natürlich der Alltag. Ich mag den Alltag. Denn unser Leben besteht in erster Linie aus ganz viel Alltag nacheinander. Dinge sind erst richtig gut, wenn sie sich im Alltag bewähren. Wenn sie den Alltag verändern, bereichern, vereinfachen. Insofern ist mein Alltag Ort für Analyse und Inspiration.

Produktdesignerin Melinda Barth
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Kontakt:
Melinda Barth zryvaqn@fvzfnynobvat.qr
Zur Autorin
Katja Runge studierte Angewandte Kulturwissenschaften, ist ausgebildete TV-Journalistin und war viele Jahre als Kommunikationsberaterin in der Design- und Kreativwirtschaft tätig. 2012 gründete sie afilii – Plattform & Community für kindgerechte Gestaltung. Mit dem Format Prototypen ermöglicht sie Nachwuchstalenten, ihre ambitionierten Entwürfe einem größeren Publikum vorzustellen. Die Interviews führt Katja persönlich, lektoriert die Antworten und verleiht Text und Bildern den letzten redaktionellen Schliff.




