Punkt! Linie! Form! Ein Kunstworkshop für Kinder von Emma Cocco

kunstworkshop-fuer-kinder-punkt-linie-form-emma-cocco

Warum wird Zeichnen in der Schule so oft zur Pflichtübung – statt zum kreativen Abenteuer? Mit »Punkt! Linie! Form!« setzt Emma Cocco genau hier an: Ein riesiges, wie eine Landkarte gefaltetes Papier wird zum gemeinsamen Spielfeld, auf dem Kinder sich frei bewegen, ausprobieren und ohne Bewertungsdruck zusammen gestalten. Im Interview erzählt sie, wie aus einem Semesterprojekt an der Burg Giebichenstein ein Kunstworkshop-Konzept wurde, das Fantasie trainiert – und das Ergebnis bewusst zur Nebensache macht.

Emma, wie entstand die Idee zu deinem Kunstworkshop für Kinder?

Die Idee ist während des Semesterprojekts an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle entstanden. Dort beschäftigten wir uns mit der Frage, wie die Schule nicht nur ein Lern-, sondern auch ein Lebensort sein kann. Persönlich war ich daran interessiert zu untersuchen, wie Kreativität in der Schule behandelt wird. Für das Projekt besuchten wir eine Schule, in der uns die Kinder selbst herumführten. Am meisten beeindruckte mich der Kunstraum: Die Kinder, die uns begleiteten äußerten, dass sie den Kunstunterricht überhaupt nicht mögen, dass sie in dieser Stunde »nichts machen, außer zeichnen« und dass sie froh sind, dass es nur eine Stunde pro Woche ist.

Das brachte mich zum Nachdenken: Kreativität in der Schule wird oft auf den Kunstunterricht reduziert und als weiteres kognitives Schulfach behandelt. Statt Raum für Kreativität und persönlichen Ausdruck zu bieten, wird es zu einer Übung in Reproduktion.

Wie oft hören wir: »Ich kann nicht gut zeichnen!« Die Angst vor Bewertung beim Zeichnen betrifft sowohl Erwachsene als auch Kinder, denn schon in der Schule lernen wir, dass Zeichnungen »gut« oder »schlecht« sein können.

So wird nicht die Entwicklung der Individualität oder Zusammenarbeit gefördert, sondern Bewertung und Konkurrenz – selbst in der einzigen Stunde, die eigentlich dem persönlichen Ausdruck der Schüler:innen dienen sollte.

Der italienische Designer Bruno Munari sagte, »Kreativität ist ein Mittel der Fantasie und für alle zugänglich – sie müsse nur trainiert werden.« Das brachte mich zum Nachdenken über die Rolle, die Kreativität in der Schule spielt.

»Punkt! Linie! Form!« ist aus diesem Bedürfnis entstanden: Zeichnen in der Schule als Mittel zur Selbstdarstellung und der eigenen Fantasie neu zu denken und nicht als mechanische Reproduktion.


»Punkt! Linie! Form!« von Emma Cocco

Konntest du »Punkt! Linie! Form!« bereits mit Kindern testen – wie waren die Reaktionen?

Ja, ich hatte die Gelegenheit, »Punkt! Linie! Form!« mit zwei verschiedenen Kindergruppen auszuprobieren.

Einmal war es im Rahmen einer Sommerwerkstatt einer Schule: Es nahmen sieben Kinder zwischen acht und neun Jahre teil. Das zweite Mal war es in einem Sommercamp, in einem Garten, mit 15 Kindern zwischen acht und elf Jahren. In beiden Fällen führten wir die beiden Phasen des Workshops in einer einzigen Aktivität durch. Die Reaktionen der Kinder? Begeistert!

Beim Zeichnen sind die Kinder auf dem Papier von »Punkt! Linie! Form!« herumgelaufen, haben mit ihm interagiert, sich Farben ausgetauscht und durchgehend frei bewegt. Alle Kinder sagten, dass sie riesigen Spaß hatten und es sofort wieder machen würden.


»Punkt! Linie! Form!« von Emma Cocco

Aktuell ist »Punkt! Linie! Form!« noch ein Prototyp – was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ich möchte meinen Kunstworkshop gerne in reguläre Schulklassen bringen. Bisher habe ich »Punkt! Linie! Form!« nur außerhalb von Unterrichtsstunden durchgeführt – mit altersgemischten Gruppen. Jetzt würde ich gerne beobachten, welche Dynamiken in einer Kunststunde mit einer festen Klassengruppe entstehen.

Außerdem würde ich gerne verstehen, wie »Punkt! Linie! Form!« funktioniert, wenn die Zeichnen- und die Schneidephase an verschiedenen Tagen stattfinden und nicht direkt aufeinanderfolgen. Das würde mir helfen, die Anleitungen noch besser an die schulischen Abläufe anzupassen.

Die größte Herausforderung ist, das große Format von »Punkt! Linie! Form!« und die Falttechnik so anzupassen, dass die Materialkosten möglichst niedrig bleiben, damit das Kreativmaterial für den Kunstunterricht erschwinglich bleibt.


»Punkt! Linie! Form!« von Emma Cocco

Gibt es noch etwas, was du uns über »Punkt! Linie! Form!« erzählen möchtest?

»Punkt! Linie! Form!« spricht die Kinder direkt an und macht sie so autonom in der Durchführung ihrer künstlerischen Aktivität. Die Lehrkraft übernimmt im Workshop eine unterstützende, aber nicht zentrale Rolle.

Ausgehend von meiner Idee, für die Kinder einen inklusiven und experimentellen Raum zu schaffen, besteht das Material aus einem großen Blatt Papier, das wie eine Landkarte gefaltet in die Klasse kommt. Das große Format (1,34 x 5,52 Meter) ist das Herzstück von »Punkt! Linie! Form!«: Es bietet einen gemeinsamen Raum, auf dem alle Kinder zusammenarbeiten. Jeder persönliche Ausdruck trägt zur kollektiven Arbeit bei.


»Punkt! Linie! Form!« von Emma Cocco

Die einfachen Anleitungen laden die Kinder ein, von Beginn an zusammenzuarbeiten – und das nur mit Materialien, die in der Schule vorhanden sind, wie Buntstifte und Filzstifte. Nach dem Ausbreiten des Blattes wählt jedes Kind drei Farben aus. Mit einem einfachen Spiel entscheiden sie sich für fünf »Missionen» die sie durch den Kunst-Workshop leiten – zum Beispiel: »Zeichne die längste Linie, die du kannst, und verwebe sie mehrmals mit den Linien der anderen.« Die Möglichkeit, aus verschiedenen Kombinationen von Zeichenvorschlägen zu wählen, sorgt dafür, dass das Ergebnis jedes Mal anders ausfällt.

Dann beginnen alle Kinder gemeinsam, die erste Mission auf dem Blatt umzusetzen. Sie bewegen sich frei, nutzen den Raum, den sie brauchen, bevor sie zur nächsten Mission übergehen. Die Aufforderung zur gemeinsamen Gestaltung – unterstützt durch kurze Zeitvorgaben und begrenzte Materialien – stellt den Prozess in den Vordergrund, nicht das Ergebnis. So wird die Angst vor Bewertung überwunden, denn hier sind alle gleichberechtigt, und Unvorhergesehenes wird als Entdeckung und nicht als Fehler erlebt.


»Punkt! Linie! Form!« von Emma Cocco

Noch eine persönliche Frage zum Schluss: Emma, erzähle uns kurz deinen Background. Warum gestaltest du für Kinder?

Im Rahmen meines Bachelorstudiums an der Freie Universität Bozen habe ich sowohl Kommunikations- als auch Produktdesign studiert. Schon immer habe ich eine große Leidenschaft für Illustration und Bilderbücher gehabt, und in einigen Projekten während des Studiums durfte ich diese Leidenschaft vertiefen. Von dort aus hat sich mein Interesse zunehmend auf das Design für Kinder konzentriert – insbesondere auf Spiel- und Lerndesign. Ich habe versucht, diesen Ansatz sowohl in Kommunikations- als auch in Produktdesignprojekten zu integrieren.

Mit der Zeit ist mein Interesse am Spiel als Lern- und Erfahrungswerkzeug immer weitergewachsen. Besonders fasziniert mich die Frage, wie spielerisches Lernen in der Schule eingeführt werden kann. Ich glaube fest an das öffentliche Schulsystem als einen Ort, der allen Kindern die gleichen Chancen bietet. Deshalb ist es mir wichtig, neue Lehrformen zu unterstützen und zu verstehen, wie Design dazu beitragen kann, diese zu entwickeln und zu verbessern.

spiel-und-lerndesignerin-emma-cocco
Emma Cocco, Designerin »Punkt! Linie! Form!«

Interessiert? Kontaktiere Emma Cocco via E-Mail:
rzzn.pbppb15@tznvy.pbz

Zur Autorin

Katja Runge ist Gründerin von afilii. Mit ihrer langjährigen Erfahrung als Journalistin, Kommunikationsberaterin und Projektleiterin in der Design- und Kreativwirtschaft bringt sie ein feines Gespür für Sprache und Themen mit. Im afilii-Magazin engagiert sie sich als Themen-Finderin, Autorin oder im Lektorat – in enger Zusammenarbeit mit den Autor:innen – immer auf der Suche nach relevanten, gut erzählten Inhalten mit echtem Mehrwert für unsere Leser:innen.

Katja Runge